
Was ist Resilienz?
Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit eines Menschen – die Fähigkeit, Krisen, Belastungen und schwierige Lebenssituationen zu bewältigen und gestärkt daraus hervorzugehen. Für Kinder bedeutet Resilienz: Sie entwickeln innere Stärke, die ihnen hilft, mit den Herausforderungen des Aufwachsens umzugehen.
Entscheidend dabei: Resilienz ist keine angeborene Eigenschaft, sondern eine erlernbare Kompetenz. Pädagogische Fachkräfte und Eltern können aktiv dazu beitragen, die Widerstandskraft von Kindern zu stärken.
Gesundheit als Grundlage: Mehr als die Abwesenheit von Krankheit
Die WHO definiert Gesundheit als “einen Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens – und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.” Gesundheit ist kein Zustand, sondern ein Prozess, den wir ständig beeinflussen – durch den Umgang mit unserem Körper, unseren Gefühlen, unseren sozialen Beziehungen und unseren Gedanken über uns selbst (vgl. Esswein).
Für die Arbeit mit Kindern bedeutet das: Gesundheitsförderung und Resilienzarbeit gehören untrennbar zusammen. Eine gesunde Einrichtung braucht gesunde Fachkräfte und resiliente Kinder.
Die Wissenschaft hinter Stress: Warum Resilienz so wichtig ist
Eustress und Disstress
Der Stressforscher Hans Selye unterscheidet zwei Formen von Stress:
- Eustress (positiver Stress): Energetisierend, konstruktiv, fördert Lernen und Entwicklung
- Disstress (negativer Stress): Erschöpfend, verursacht Kopfschmerzen, Angst, psychosomatische Reaktionen
Milder Stress ist lebensnotwendig und fördert sogar das Lernen. Aber starker Stress mit Versagensangst ist schädlich – besonders für Kinder, deren Stressregulationssysteme noch in der Entwicklung sind.
Was im Körper passiert
Bei Stress wird der Reiz über die Sinne aufgenommen und innerhalb von Sekunden ans limbische System weitergeleitet. Das Gehirn gleicht mit Erinnerungen ab: Ist die Situation bedrohlich? Wenn ja, werden Noradrenalin, Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet – Puls, Blutdruck und Atemfrequenz steigen, die Verdauung stoppt.
In der Urzeit konnte diese Energie durch Kampf oder Flucht abgebaut werden. Heute fehlt diese Möglichkeit – der Energieüberschuss erzeugt moderne Stressprobleme. Resilienz hilft Kindern, gesunde Wege zu finden, um mit diesem Stress umzugehen.
Das SAR-Modell: Stressoren, Anforderungen und Ressourcen
Das SAR-Modell stellt Belastungen und Ressourcen als Waage dar:
Was belastet (Stressoren)
- Äußere Anforderungen: Zeitdruck, Lärm, Reizüberflutung, familiäre Konflikte
- Innere Anforderungen: Perfektionismus, Versagensangst, soziale Unsicherheit
Was stärkt (Ressourcen)
- Äußere Ressourcen: Stabile Beziehungen, wertschätzende Umgebung, klare Strukturen, verlässliche Bezugspersonen
- Innere Ressourcen: Körperliche und mentale Fitness, Humor, soziale Kompetenzen, positives Selbstbild
Resilienzarbeit stärkt gezielt die Ressourcenseite dieser Waage.
Resilienz bei Kindern fördern: Praktische Übungen
Die folgenden Übungen aus unserer Fortbildung Kinder-Resilienz lassen sich direkt in den pädagogischen Alltag integrieren:
Atemübungen für Kinder
- Bauchatmung: Hand auf den Bauch, Hand auf die Brust – beobachten, wie sich der Bauch zuerst hebt. Kann im Liegen, Sitzen oder Stehen geübt werden.
- Löwenatem: Fest stehen, durch die Nase einatmen, mit einem lauten Brüllen und weit geöffnetem Mund ausatmen. Gibt Kindern ein Gefühl von Stärke und Kraft.
- Kerzen ausblasen: Durch den Mund einatmen, durch die Nase “imaginäre Kerzen” ausblasen. Macht den Kopf klar und frisch.
- Tönen: Vokale singen (Ha-He-Hi-Ho-Hu) zur Melodie von “Hänschen klein”. Die Vibrationen werden in Brust und Kehle spürbar, verlängern die Ausatmung und fördern die Körperwahrnehmung.
Konzentrationsübungen
- Ohrenwärmer: Arme überkreuzen, beide Ohren mit Daumen und Zeigefinger von oben nach unten massieren. Fördert Konzentration und wärmt die Ohren.
- Wachmacher: Den Bereich unter dem Schlüsselbein (Thymusdrüse) sanft 15–20 Mal klopfen – aktiviert Energie und Wachheit.
- Rutschbahn: Sich zwei kreuzende Rutschen vorstellen (ein X) und Kindern beim Rutschen zuschauen – verbindet die beiden Gehirnhälften.
Körperhaltung und Gefühl
Eine der wirkungsvollsten Übungen zeigt Kindern den direkten Zusammenhang von Körperhaltung und Stimmung:
- Königssitz: Die Sitzknochen finden, aufrecht sitzen wie ein König oder eine Königin – trainiert natürliche Körperausrichtung.
- Standfestes Stehen: Stehen wie ein Baum mit tiefen Wurzeln – Kinder testen ihre Stabilität durch sanftes Anschubsen.
- Zusammenspiel-Übung: “Mir geht es super!” sagen, während man zusammengesunken sitzt – fühlt sich falsch an. Dasselbe sagen, während man aufrecht steht und die Arme hochstreckt – fühlt sich stimmig an. Kinder lernen: Sie können ihre Stimmung über ihre Körperhaltung aktiv beeinflussen.
Fantasiereisen
- Ein Krafttier finden: Geführte Visualisierung auf einer Wiese, wo Kinder ihrem persönlichen Krafttier begegnen, dessen Stärken kennenlernen und fragen, wie sie diese Qualitäten in sich selbst entwickeln können. Danach malen als Erinnerung.
- Ängste loslassen: Ängste als kleine dunkle Wolken im Körper visualisieren, dann mit dem hellen, weißen Atem hinausatmen, bis sich das Kind leicht und stark fühlt.
Wertschätzungsübungen
- Geschenke verteilen: Kinder schreiben imaginäre Geschenke für ihren Nachbarn auf und überreichen sie persönlich mit Begründung.
- Bunte Blumenwiese: Jedes Kind stellt sich vor, eine Blume zu sein (Farbe, Duft wählen), dann gehen alle schweigend zusammen und bilden eine gemeinsame Blumenwiese – Gemeinschaft in Entspannung erleben.
Vertiefen Sie Ihr Wissen zu Resilienzförderung
In unserer Fortbildung Kinder-Resilienz erhalten Sie praxiserprobte Methoden und Werkzeuge für Ihren pädagogischen Alltag.
Progressive Muskelentspannung für Kinder
Die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson lässt sich spielerisch für Kinder anpassen:
- Kinder unter 8 Jahren: maximal 5 Sekunden Anspannung; ältere Kinder: 5–7 Sekunden
- Mindestens 10 Sekunden Pause zum Nachspüren der Entspannung
Spielerische Varianten:
- “Schwamm ausdrücken”: Einen nassen Schwamm so fest wie möglich auspressen
- “Gorilla und Schlappmann”: Zwischen angespanntem Gorilla und schlaffem Stofftier wechseln
- “Luftmatratze”: Körperteile über Fingerdruck des Partners “aufpumpen”
- “Leicht-Schwer”: Schwere Bücher auf einer Hand, Luftballon auf der anderen spüren
Selbstfürsorge für Fachkräfte: Erst sich selbst stärken
Eine zentrale Erkenntnis: Nur wer selbst resilient ist, kann Resilienz bei Kindern fördern. Der DGB-Index zeigt: 63 % der pädagogischen Fachkräfte denken auch zuhause über berufliche Schwierigkeiten nach – der höchste Wert aller Berufsgruppen.
Stressbewältigung für den Arbeitsalltag
- Kurzfristig: Spontane Entspannung (Glas Wasser, tiefes Atmen, inneres “Stopp”), bewusste Auszeit, positive Selbstinstruktion (“Ich schaffe das, es dauert nur 10 Minuten”)
- Langfristig: Moderater Ausdauersport 2–3x wöchentlich, geplante Entspannungszeiten (10 Minuten täglich sind wertvoller als 1 Stunde pro Woche), Hobbys
- Im Team: Regelmäßige Teamsitzungen mit fachlichem Austausch, externe Supervision, gemeinsame Konzeptentwicklung
Zeitmanagement
- Eisenhower-Prinzip: Aufgaben nach Wichtigkeit und Dringlichkeit priorisieren
- Pareto-Prinzip (80/20): 20 % der Zeit erzeugen 80 % der wichtigen Ergebnisse. Perfektionismus treibt dazu, die restlichen 80 % der Zeit für nur 20 % der Ergebnisse aufzuwenden.
- Nur 60 % der verfügbaren Zeit verplanen – 40 % als Puffer lassen
Praktische Übungen für Erwachsene
- Achtsames Essen: Einen Bissen mit allen Sinnen untersuchen, 10–20 Mal kauen
- “Päckchen packen”: Probleme visualisieren, jedem einen Namen geben, in eine passende Verpackung stecken und auf Distanz setzen
- Bodyscan: Systematisch den Körper von den Zehen bis zum Scheitel scannen und jeden Bereich bewusst entspannen
- “Ich bin”-Atmung: Beim Einatmen “Ich” sagen, beim Ausatmen “bin” – die Suggestion “Ich bin” wirkt beruhigend
5 Tipps für resiliente Familien
Diese Tipps können Sie an Eltern weitergeben – zum Beispiel beim Elternabend:
- Bedingungslose Annahme: “Du bist gut so wie du bist – mit all deinen Fähigkeiten und Begrenzungen.” Abendritual: “Du bist gut so wie du bist / Du wirst geliebt / und du bist in Sicherheit.”
- Selbstständigkeit fördern: Kindern viel zutrauen – nur so spüren sie eigene Grenzen. Ermuntern, eigene Lösungen zu finden: “Was denkst du denn?” / “Überleg erstmal selbst.”
- Familienrituale: 1x pro Woche Familiensitzung: Wie war deine Woche? Was ist gut gelaufen? Was weniger? Was möchtest du nächste Woche ändern?
- Deeskalation wenn der Kragen platzt: Erste Hilfe = Atmen. Dann Abstand/STOP. Dann Gefühle und eigene Hilflosigkeit benennen. Kommunikation in Ich-Botschaften.
- Regeln und Fehlerkultur: Kinder brauchen Regeln – sie geben Sicherheit. Fehlerkultur leben: eigene Fehler sichtbar machen (“Fehler sind Freunde”).
Allrounder-Tipp für Teenies: “Bleiben Sie in Kontakt!” – “Es ist mir nicht egal, wie lange du weg bleibst… Es ist mir nicht egal, wie wenig du schläfst…”
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Weiterführende Ressourcen
Vertiefen Sie Ihr Wissen mit unseren Angeboten:
- Fortbildung: Kinder-Resilienz – Resilienzförderung praxisnah und wissenschaftlich fundiert
- Resilienz bei Kindern stärken – Fachartikel: Wie Fachkräfte die Widerstandsfähigkeit im Alltag fördern
- Fortbildung: Konfliktkompass – Professioneller Umgang mit Konflikten
- Schulkindbetreuung: Der komplette Leitfaden
- Deeskalation in der Schulkindbetreuung