
Was ist Mobbing? Definition und Abgrenzung
Mobbing (von engl. “to mob” = bedrängen) beschreibt systematische, wiederholte aggressive Handlungen in institutionellen Settings. Im Unterschied zu alltäglichen Konflikten und Streitigkeiten zeichnet sich Mobbing durch klare Merkmale aus (vgl. Olweus 2002, Kasper 2002):
- Ein verfestigter, wiederkehrender Konflikt – keine einmalige Auseinandersetzung
- Ein Machtungleichgewicht – das Opfer ist verbal und/oder körperlich unterlegen
- Wiederholte schädigende Handlungen über einen längeren Zeitraum (3–6 Monate)
- Eskalation in Häufigkeit, Dauer und Schwere
- Soziale Ausgrenzung aus der Gemeinschaft
- Das Opfer kann sich nicht allein befreien
Die Arbeitsdefinition lautet: “Mobbing ist eine Form offener und/oder subtiler verbaler und/oder physischer Gewalt gegen Personen über längere Zeit mit dem Ziel der sozialen Ausgrenzung und Erniedrigung.”
Wichtig ist die klare Unterscheidung: Streit ist spontan, plötzlich und kann zur Versöhnung führen. Konflikte entstehen durch unterschiedliche Interessen und können konstruktiv gelöst werden. Mobbing hingegen ist geplant, einseitig, bietet keinen Ausweg und hört nie von alleine auf.
Formen von Mobbing
Mobbing zeigt sich in verschiedenen Erscheinungsformen, die Fachkräfte kennen müssen:
Physisches Mobbing
- Direkt: Schlagen, Treten, Schubsen, Kneifen, Haare ziehen, Kratzen, Beißen
- Indirekt: Sachen verstecken, stehlen oder zerstören; Essen in den Müll werfen
- Ohne Schläge: Auflauern, Jagen, Einsperren, Stuhl wegziehen
Verbales Mobbing
- Direkt: Hänseln, Verspotten, Erniedrigen, Beleidigen, Bloßstellen
- Dominanz: Tyrannisieren, Erpressen, Drohen
Soziales Mobbing
- Ausschließen, Ignorieren, Gerüchte verbreiten, Freundschaften zerstören
Cybermobbing
- Beleidigungen, Bloßstellungen und Ausgrenzung über digitale Kanäle
Das Mobbing-System: Rollen und Positionen
Mobbing ist kein Zwei-Personen-Problem – es ist ein Gruppenphänomen. Das Verständnis der verschiedenen Rollen ist entscheidend für wirksame Intervention:
Täter und Assistenten
Die Initiatoren planen und führen die Attacken durch. Assistenten helfen direkt dabei. Typische Merkmale: aggressive Verhaltensmuster, positive Einstellung zu Gewalt, Machtbedürfnis, geringe Empathie, Schuldzuweisung an das Opfer.
Zuschauer – die entscheidende Gruppe
- Verstärker: Suchen Mobbing-Situationen auf, lachen mit
- Außenstehende/Dulder: Nicht direkt beteiligt, tun aber nichts dagegen
- Helfer des Opfers: Versuchen zu trösten oder einzugreifen
Die Zuschauer sind der Schlüssel: Mobbing endet, wenn die Täter ihre Bühne verlieren. Deshalb muss Prävention vor allem bei den Zuschauern ansetzen: “Hilfe holen ist kein Petzen!” und “Schweigen bedeutet Zustimmung!”
Opfer
Passive Opfer werden gemobbt, ohne selbst aggressiv zu reagieren. Täter-Opfer verhalten sich aggressiv gegenüber anderen und werden selbst gemobbt. Beide Gruppen erleben Isolation, Angst, Hilflosigkeit und Scham.
Warnsignale erkennen
Frühes Erkennen ist der wichtigste Hebel gegen Mobbing. Achten Sie auf folgende Anzeichen:
In der Einrichtung
- Das Kind wird wiederholt gehänselt, beschimpft, gedemütigt oder bedroht
- Es hat keine Freunde und ist in den Pausen immer allein
- Es wird beim Sport als Letztes gewählt
- Es sucht auffällig die Nähe von Erwachsenen
- Es wirkt ängstlich, unsicher, deprimiert oder weinerlich
- Schulleistungen lassen nach
Zuhause
- Zerrissene Kleidung, beschädigte Bücher oder unerklärliche Verletzungen
- Keine Freunde kommen zu Besuch, keine Einladungen
- Angst vor dem Schulweg oder der Einrichtung
- Psychosomatische Beschwerden: Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, besonders morgens
- Schlafstörungen, Alpträume, Bettnässen
- Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Rückzug
- In schweren Fällen: Suizidgedanken und Selbstvorwürfe
Auf Gruppenebene
- Auffällig rauer Umgangston, Beleidigungen als Routine
- Cliquenbildung mit starkem Kodex nach innen
- Gedrückte Stimmung, niemand traut sich, etwas zu sagen
- Widerstand gegen das Besprechen von Mobbing/Gewalt
Das 6-Stufen-Eskalationsmodell
Mobbing entwickelt sich nicht über Nacht, sondern durchläuft typische Eskalationsstufen:
- Stufe 1: Unsicheres Verhalten des Opfers wird bemerkt. Aggressive Kinder testen, wer als Opfer geeignet ist. Erwachsene beobachten wenig oder bagatellisieren.
- Stufe 2: Das Opfer leistet keinen Widerstand, Täter fühlen sich bestätigt. Zuschauer sind gleichgültig.
- Stufe 3: Das Opfer zieht sich zurück. Die Häufigkeit und Intensität der Angriffe steigt. Zuschauer rechtfertigen die Angriffe als “normal”.
- Stufe 4: Das Opfer akzeptiert die Opferrolle. Zuschauer werden zu Mittätern. Keine Konsequenzen von Erwachsenen.
- Stufe 5: Das Opfer gibt sich selbst die Schuld. Die Gruppe verliert die Selbstkontrolle. Erwachsene akzeptieren das Verhalten.
- Stufe 6: Vollständige soziale Isolation. Die Täter entmenschlichen das Opfer. Alle gegen einen.
Je früher die Intervention, desto wirksamer. Ab Stufe 4 ist externe Hilfe fast immer notwendig.
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In unserer Fortbildung Mobbing Stop! erhalten Sie praxiserprobte Methoden und Werkzeuge für Ihren pädagogischen Alltag.
Die Interventionskette: Schritt für Schritt gegen Mobbing
Die bewährte Interventionskette (nach Jürgen Berger / Britta Paschilk) bietet einen strukturierten Ablauf:
- Mobbingtagebuch führen: Das betroffene Kind dokumentiert 14 Tage lang alle Vorfälle mit Datum, Uhrzeit, beteiligten Personen und Beschreibung.
- Kollegiale Rücksprache: Die Fachkraft spricht mit Kollegen und Mitarbeitern über beobachtete Verhaltensänderungen.
- Auswertung: Nach 14 Tagen wird das Tagebuch gemeinsam mit dem Kind besprochen. Bei bestätigtem Mobbing wird ein Gruppengespräch mit 3–4 sozial kompetenten Kindern und der Fachkraft angeboten.
- Konfrontation: Die Täter werden mit ihrem Verhalten konfrontiert. Alle erfahren: Es muss eine Lösung gefunden werden. Bei Verweigerung folgt die Offenlegung gegenüber der gesamten Gruppe, den Eltern und der Leitung.
- Bewährungsphase: 14 Tage Beobachtung, ob das schädigende Verhalten aufhört.
- Nachkontrolle: Bei Verhaltensänderung: Abschluss. Wenn nicht: Eskalation an Eltern und Leitung.
Was Fachkräfte tun müssen – und was nicht
Richtig handeln
- Mobbing sofort stoppen – niemals ignorieren oder tolerieren
- Dem Opfer glauben, es schützen und sein Selbstwertgefühl stärken
- Tätern die Bühne entziehen und gewaltfreie Alternativen aufzeigen
- Zuschauer aktivieren: “Hilfe holen ist kein Petzen!”
- Mobbing als Gruppenphänomen behandeln, nicht als Einzelproblem
- Konkrete Sozialregeln einführen und konsequent durchsetzen
- Ein einrichtungsweites Anti-Mobbing-Konzept entwickeln
Fehler vermeiden
- Wegschauen oder tolerieren (Schweigen = Zustimmung)
- Nur auf Einzelebene reagieren statt die Gruppe einzubeziehen
- Täter und Opfer zusammensetzen
- Nach ersten Verbesserungen die Aufmerksamkeit lockern
- Das Opfer in eine andere Klasse versetzen (außer zum unmittelbaren Schutz)
Prävention: So schaffen Sie ein mobbingfreies Klima
- Einrichtungsweites Konzept gegen Mobbing und Gewalt entwickeln
- Einheitliche Regeln mit konsequenten Maßnahmen einführen
- Heimliche Klassenregeln aufdecken: Welche ungeschriebenen Normen begünstigen Mobbing?
- Klassengemeinschaft aktiv fördern – nicht erst bei Problemen reagieren
- Regelmäßige Bestandsaufnahme der Gruppenatmosphäre (z.B. Mobbing-Barometer)
- Alle Beteiligten informieren – auch Eltern bereits am ersten Elternabend über die Interventionskette aufklären
- Zivilcourage trainieren und Bystander in Interventionstechniken schulen
Praktische Übungen für den Alltag
Aus unserer Fortbildung Mobbing Stop! stellen wir Ihnen bewährte Methoden vor:
- Mobbing-Barometer: Kinder bewerten anonym (Augen zu, Rücken an Rücken) das Mobbing-Level in ihrer Gruppe. Schafft Gesprächsanlass.
- “Sandras Tag”: Eine Geschichte über kumulativen Schaden durch alltägliche Grausamkeiten. Ein Bild von Sandra wird bei jeder Verletzung zerrissen – bei jeder konstruktiven Lösung mit Tape repariert. Eindrucksvolle Visualisierung für Klasse 1–3.
- Standbilder/System Mobbing: Kinder stellen Mobbing-Szenen als Standbilder nach, verteilen Rollenkarten und erarbeiten dann ein Lösungsbild.
- Schlagfertigkeitstraining: Nicht-verletzende Antworten auf typische Mobbing-Sprüche üben.
- Wertekarten: Kinder wählen persönliche Werte und diskutieren, was passiert, wenn diese verletzt werden – verbunden mit Maslows Bedürfnispyramide.
Zahlen und Fakten
- 15 % der Schüler sehen sich selbst als Mobbing-Opfer
- 20 % aller Suizide im Kindes- und Jugendalter stehen in Zusammenhang mit Mobbing
- Mobbing findet am häufigsten statt: 70,8 % Schulhof, 66,9 % Klassenzimmer, 26,3 % Flure
- In 88 % der Fälle sind Täter und Opfer gleichaltrig
- Über 50 % der Täter sind männlich
- 20 % der Opfer benennen Lehrkräfte als (Mit-)Täter
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Weiterführende Ressourcen
Vertiefen Sie Ihr Wissen mit unseren Angeboten:
- Fortbildung: Mobbing Stop! – Wirksame Strategien gegen Mobbing in Schule und Betreuung
- Gewaltprävention in der Schulkindbetreuung – Präventive Strategien für den pädagogischen Alltag
- Fortbildung: Konfliktkompass – Professioneller Umgang mit Konflikten
- Deeskalation in der Schulkindbetreuung – Konflikte lösen statt eskalieren lassen
- Schulkindbetreuung: Der komplette Leitfaden
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Unsere 5-Schritte-Checkliste „Mobbing erkennen & handeln“ – zum Ausdrucken und Aufhängen im Teamraum.